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Karin Stemmler (Redakteurin Berliner Zeitung) BLZ-Jubiläumsfahrt

Eisenbahnromantik und Sommer pur auf der Elbe


Einmal Dresden hin und zurück: Jubiläumsfahrt der Berliner Zeitung mit historischem Flair

    

Am Ende ging es um drei Zentimeter. Fast wäre ein Höhepunkt der Jubiläumsfahrt zum 70. Geburtstag der Berliner Zeitung ins Wasser gefallen – ins Niedrigwasser der Elbe. Eine Schifffahrt durch die Sächsische Schweiz war nämlich Teil dieser Reise.
Doch die Tschechen hatten ein Einsehen und schickten eine Welle, wie sie in Dresden salopp sagen, wenn Wasser aus Stauseen auf tschechischer Seite abgelassen wird. So erreichte die Elbe am Sonnabend bei Dresden einen Pegelstand von 73 Zentimetern und die „MS Gräfin Cosel“ konnte mit unseren 340 Leserinnen und Lesern bis Schloss Pillnitz fahren. 70 Zentimeter Wasserhöhe sind das Minimum, damit die Ausflugsdampfer überhaupt ablegen.

  

Die meisten Leser ahnen nichts von diesen Schwierigkeiten, als sie Sonnabend früh voller Spannung in Berlin in den Sonderzug AKE „Rheingold“ steigen. Sie freuen sich über die plüschigen Sessel, hübschen Messingverschläge und eleganten Lampen im Barwagen. Der Zug stammt aus den 60er-Jahren und besteht ausschließlich aus 1. Klasse-Wagen. Mit ihm ist Willy Brandt zu Staatsbesuchen gereist.
Nachdem die Wasserstandsmeldungen per Bordmikrofon bekanntgegeben worden sind, erinnert sich Lutz Jander an seinen letzten Besuch in Dresden 2013: „Damals gab es dort Hochwasser und ich wurde als Freiwilliges Mitglied der Feuerwehr Berlin nachts um zwei Uhr zum Einsatz gerufen.“ Nach Sehenswürdigkeiten stand ihm da nicht der Sinn. „Wir waren froh, dass die Semperoper nicht wieder überflutet wurde wie 2002“, berichtet er. An diesem Sonnabend will er mit seiner Frau Kerstin mal ganz in Ruhe Zug fahren, aus dem Fenster schauen und den Speisewagen testen, erzählt der 55-jährige Küchenchef aus Pankow. Die letzte Zugfahrt liegt lange zurück. „1992 zur Eröffnung von Eurodisney in Paris, da waren unsere vier Kinder noch klein“, ergänzt seine Frau.
Wolfgang Oelschläger, Werbegrafiker aus Wildau, fährt dagegen oft Zug; er ist Eisenbahnfan von klein auf. Das Modell des „Rheingold“, mit dem wir unterwegs sind, steht bei ihm zu Hause hinter Glas – gleich neben dem alten „Rheingold“ aus den 1930er Jahren. Er liebt das Flair alter Züge, das gedämpfte Fahren. „Trotzdem sind die Wagen leistungsfähig“, sagt er, „bei Ludwigsfelde hatten wir vorhin 200 km/h drauf“. Der Inhaber des AKE „Rheingold“, Jörg Petry, ist stolz auf sein historisches „Schätzchen“ und erzählt, wie er schon mit 17 seinen ersten Zug gechartert hat. Damals mussten die Eltern für ihn bürgen.



Kurz nach zehn Uhr kommen wir in Dresden an. Vor dem Bahnhof erwarten uns elf Stadtführerinnen, die ihren Gruppen bei einem zweistündigen Spaziergang die Schönheit der sächsischen Landeshauptstadt nahe bringen werden. Es geht durch die Prager Straße zum Altmarkt, am Schloss vorbei hin zum Zwinger und zu den Brühlschen Terrassen. Wir huschen durch die Hitze von Schattenplatz zu Schattenplatz. Manch einer gibt auf und zieht sich zurück in ein klimatisiertes Restaurant. Die meisten halten durch. So auch Lehrerin Rosemarie Hummel, die ein Tropenhelm trägt: „Dresden war mir durch Pegida fast ein bisschen verleidet, aber jetzt gefällt es mir wieder.“ Sie freut sich über die Plakate, die an Museen und Oper hängen. „Für ein weltoffenes Dresden“ ist da zu lesen. Und an der Gemäldegalerie steht: „Ein großes Haus voller Ausländer! Der Stolz des Freistaates.“



Um zwölf Uhr steigen wir aufs Schiff. Es ist angenehm kühl unter Deck. So lässt sich das Treiben auf den vorbeiziehenden Elbwiesen und der Anblick der Elbschlösser entspannt genießen. Viele Badende sind zu sehen, aber auch Radfahrer und Paddler, Pferde beim Grasen und Traktoren bei der Heuernte. Die „MS Cosel“ fährt besonders vorsichtig, trotzdem schurrt sie manchmal über den Sand des Flussbetts; man kann es deutlich hören. Es machen Witze die Runde, dass man bei 73 Zentimeter Wasserhöhe locker aussteigen und schieben könne.
Am Schloss Pillnitz, das August der Starke für Gräfin Cosel erwarb, endet unsere Fahrt stromaufwärts. Die Elbe scheint hier kaum breiter zu sein als das Schiff lang ist. Kapitän Detlef Scheinpflug wendet auf der Stelle, eine Meisterleistung. Dann geht es zurück nach Dresden, hindurch unter dem berühmten Blauen Wunder und vorbei an der Schifferkirche Maria am Wasser. Im Zug sind alle froh, den heißen Tag gut überstanden zu haben. „Trotz der Hitze war es sehr schön“, fasst Lydia Gest zusammen. Die 22-jährige hat ihre Eltern begleitet. Einige blättern kräftig im Katalog und planen schon die nächste Tour.


Text: Karin Stemmler
Fotos: Christian Schulz

 
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